Jede Woche liest Letizia der Hündin Tammy etwas vor
© Anja Reiter, Die ZEIT

Tammy, der Lesehund

Tammy ist müde. Die Hündin döst auf ihrer roten Decke im Spielzimmer der Sinai-Grundschule in München, rhythmisch hebt und senkt sich ihr felliger Bauch. Letizia, acht Jahre alt, krault der Golden-Retriever-Dame durch das cremefarbene Fell. Dann schlägt sie ein Buch auf und beginnt zu lesen: »Der Zauberer brachte die Kinder in das Dorf im Schnee.« Tammy schiebt ihren Kopf zwischen die Pfoten und stellt die Ohren auf. »Das Dorf war im Gebirge«, fährt Letizia fort. Tammy. blinzelt. Ob sie versteht, was das Mädchen ihr vorliest? Letizia glaubt fest daran. Auf jeden Fall ist die Hündin eine super Zuhörerin.

Kein Wunder, denn Tammy ist ein ausgebildeter Lesehund. Oder sollte man besser sagen: Vorlesehund? Jedenfalls besucht Tammy regelmäßig Schulen oder Bibliotheken und lässt sich dort eine Stunde lang von Kindern vorlesen. Ausgedacht hat sich das Tammys Besitzerin Kimberly Ann Grobholz, sie war früher Lehrerin und ist sich sicher: Hunde können Kindern dabei helfen, besser lesen zu lernen, denn sie sind geduldigere Zuhörer als Erwachsene oder andere Kinder. »Tammy muckt nicht auf, wenn ich einen Fehler mache«, sagt Letizia. Stolpert sie über ein schwieriges Wort, verbessert Tammy sie nicht, so wie Lehrer oder Eltern das oft tun.

Früher hatte Letizia überhaupt keine Lust auf Bücher. Weil das Lesen nicht so gut klappte, hat es ihr auch keinen Spaß gemacht. Seit sie einmal pro Woche Hündin Tammy vorliest, hat sich das geändert. Heute liest Letizia schon viel flüssiger, und immer öfter schnappt sie sich in den Schulpausen oder zu Hause freiwillig ein Buch, um darin zu schmökern.

Dass die Idee mit den Lesehunden funktioniert, können auch Wissenschaftler bestätigen. In Experimenten haben sie herausgefunden, dass sich Menschen, die mit Tieren zusammen sind, besser entspannen können und sogar glücklicher sind. Wenn Kinder Tieren vorlesen, können sie sich deshalb besser konzentrieren und haben weniger Angst, Fehler zu machen. In den USA wird dieser Trick schon lange genutzt, dort dürfen Lese- Anfänger nicht nur Hunden vorlesen, sondern auch Katzen, Meerschweinchen und Kaninchen.

Doch nicht jedes Tier ist ein geeigneter Zuhörer, auch nicht alle Hunde. Manche sind zu wild und ungestüm, andere zu scheu. Tammy ist genau richtig: ruhig und aufmerksam. Vielleicht liegt das auch an ihrem Alter, mit ihren zehneinhalb Jahren ist sie schon eine richtige Hunde- Oma, ihre Schnauze ist längst grau, und manchmal sabbert sie ein bisschen. Letizia stört das nicht. Sie und Tammy verstehen sich richtig gut.
Ewig kann die Hündin ihren Job aber nicht mehr machen: »Tammy wird bald in Rente gehen«, sagt ihre Besitzerin. Damit auch in Zukunft möglichst viele Kinder mit Lesehunden Zusammenarbeiten können, gibt Frau Grobholz Kurse für andere Hundebesitzer und ihre Tiere, die Lese- Anfängern helfen wollen. Dort lernen sie zum Beispiel, dass ihre Hunde beim Vorlesen immer angeleint sein müssen, damit nichts passiert, falls sie sich mal erschrecken. Die Hundebesitzer erfahren außerdem, dass sie sich in der Lesestunde möglichst im Hintergrund halten sollen. Schließlich geht es darum, dass sich Hund und Kind miteinander anfreunden.

Inzwischen gibt es Lesehunde in vielen Städten in Deutschland, außer in München auch in Berlin, Hamburg, Passau und im Ruhrgebiet. Die Herrchen-Hund-Teams arbeiten in den meisten Fällen in ihrer Freizeit, ohne Geld dafür zu verlangen.

Für Letizia ist nach einer Stunde die Lesezeit zu Ende. Das Mädchen schlägt das Buch zu und kuschelt sich zum Abschied noch mal in Tammys Fell. Noch etwas hat sich geändert, seit sie ihre tierische Zuhörerin regelmäßig trifft: Früher hatte Letizia Angst vor Hunden, heute hätte sie gerne selbst einen als Haustier.

Als Buch:

»Tammy erzählt… mein Leben als Lesehund«, Grin Publishing; 1. Auflage (14. Januar 2012)