REUTLINGEN . Was vor 15 Jahren relativ klein und als loser Zusammenschluss ohne Vereinsstrukturen begann, ist heute eine Erfolgsgeschichte, dank der viele Kinder nicht nur lesen können, sondern sich auch persönlich und in anderen schulischen Bereichen enorm weiter entwickelt haben. Denn, das ist unbestritten: Lesen ist die Kernkompetenz schlechthin auf dem Weg zum schulischen Erfolg. Wer nicht oder nur schlecht liest, hat kaum eine Chance, gute Noten zu schreiben. Doch das Problem der Leseschwäche ist weit verbreitet. Jeder vierte Grundschüler in Baden-Württemberg kann nicht ausreichend lesen, so das Ergebnis der Pisa-Studie 2022. Und es bleibt oft bis in späteren Jahren bestehen: »In Deutschland leben 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten«, sagt Michael Nähring.
„In Deutschland leben 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten“
Er und seine Frau Claudia sind Botschafter von den Reutlinger Leselern-Paten. Michael Nährig kam bereits 2012 dazu, seine Frau folgte zwei Jahre später. Sie brennen für das, was sie dort tun und bewegen können. Mit leuchtenden Augen erzählen sie von den Kindern, denen sie den Spaß am Lesen vermitteln und für die sie oft viel mehr sind als nur jemand, der sich eine Stunde pro Woche mit ihnen in Buchstaben, Sätze und Geschichten vertieft. Sie sind Zuhörer und Vertrauensperson, eine willkommene Abwechslung vom Schulalltag – jemand, der sich nur um sie kümmert.
Die Reutlinger Leselern-Paten
Die Grundidee für dieses ehrenamtliche Projekt stammt von Otto Stender, der 2002 einen ersten Verein in Hannover gründete. Gudula Afanasjew, ehemalige Gymnasiallehrerin, nimmt 2009 Kontakt mit Stender auf und übernimmt die Grundprinzipien der Mentor-Idee für Reutlingen, gründet aber keinen Verein.
Die Stabsstelle Bürgerengagement der Stadt ruft die Initiative als städtisches Projekt ins Leben. Schnell finden sich Paten, die Interesse an der Idee zeigen. Im Oktober 2010 findet das erste interne Treffen der Reutlinger Lesementoren (so der damalige Name) statt. Im März 2011 findet ein weiteres Treffen statt und es kommt zur neuen Namensfindung: Leselern-Paten. Immer mehr Schulen und Paten melden sich bei der Initiative.
Auf der 420-Jahr-Feier von Osiander Mitte 2016 berichtet der Philosoph und Autor Professor David Precht als Schirmherr von der bundesweiten Mentor-Initiative und regt den Aufbau von Vereinen in Süddeutschland an. Stephan Kurz und Petra Aichele sind Gäste dieser Veranstaltung und beschließen eine Vereinsgründung.
Schon im Herbst 2016 kommt es mit 30 Aktiven zur Vereinsgründung von »Mentor – Leselern-Paten Reutlingen e.V.«. Die Zahlen im Verein steigen kontinuierlich an: Sowohl was die teilnehmenden Schulen als auch was die Paten betrifft. Heute hat der Verein 425 Mitglieder, darunter rund 300 aktive, die kreisweit an Schulen tätig sind.
Wer sich über das Projekt näher informieren will, kann sich an die Geschäftsstelle wenden, die sich in Reutlingen in der Kaiserstraße 48 befindet. Telefon: 07121 / 387-8446; E-Mail: kontakt@leselern-paten.org. Die Öffnungszeiten sind Dienstag von 9.30 bis 12.30 Uhr, Donnerstag 14 bis 17.30 Uhr und nach Absprache. Der nächste Einführungskurs findet am 11. September von 15 bis 19 Uhr statt. Anmeldungen in der Geschäftsstelle.
Gerade diese 1:1-Betreuung schafft den Rahmen, in dem sich die Kinder öffnen können. Vielen ist es vor der Klasse peinlich, wenn sie langsam, falsch oder stotternd etwas vortragen, was mitunter sogar dazu führen kann, dass sie sich komplett verweigern. Es besteht die Gefahr einer Abwärtsspirale, die die Paten zurückdrehen wollen. Nur mit ihnen in einem Raum fällt den Schülern das Lesen gleich viel leichter. »Wir wollen bei den Kindern ein positives Selbstbild fördern«, sagen Claudia und Michael Nähring.
„Wir wollen bei den Kindern ein positives Selbstbild fördern“
Sie und ihre Mitstreiter können auf einige persönliche Erfolgsgeschichten mit »ihren« Patenkindern zurückblicken. Sie haben Kindern geholfen, bei denen lediglich ein leichtes Anstupsen nötig war, andere hingegen begleiten sie über mehrere Jahre. »Ich hatte ein Mädchen, das total verschüchtert war«, erzählt Michael Nährig, doch sie fasste Vertrauen und irgendwann ist der Knoten geplatzt. Heute ist sie der Mittelpunkt der Klasse, eine der stärkeren Schülerinnen. »Wenn man so etwas geschafft hat, ist das ein tolles Erlebnis,« sagt Nähring. Dabei hat die gesamte Geschichte der Leselern-Paten einen steilen Aufwärtskurs genommen. Die pensionierte Gymnasiallehrerin Gudula Afanasjew startete 2010 mit gerade mal vier Freiwilligen, die drei Reutlinger Schulen besucht haben. Heute gibt es rund 300 aktive Leselern-Paten, die im gesamten Kreisgebiet an Schulen aktiv sind.

Die Leserlern-Paten-Botschafter Claudia und Michael Nährig werben voll Feuereifer für ihr Ehrenamt. Foto: Anja Weiß
Dabei handelt es sich um ein Generationen-Projekt, ein Großteil der Paten ist im Rentenalter – trotzdem ist es ihnen wichtig, dass die Kinder sie als einen Partner sehen, der sie unterstützt. Nicht als einen Pädagogen, der sie abfragt. Je nach Ausdauer und Lust lesen die Kinder mal länger oder mal kürzer vor. Oft wollen sie sich erst einmal eine Weile mit den Paten unterhalten und wenn sie viel gelesen haben, wird die Stunde mit einem Spiel aufgelockert. Dafür haben die Paten einen Koffer an Material dabei: vom Geschichtenwürfel bis zum Malbild. Wer fleißig ist und regelmäßig erscheint, bekommt für jede absolvierte Stunde einen Stempel in sein Heft, nach sechs Mal gibt es eine kleine Belohnung, nach 24 Mal (etwa einem Schuljahr entsprechend) sogar einen Gutschein des örtlichen Buchhandels.
„Wenn man so etwas geschafft hat, ist das ein tolles Erlebnis“
Trotz der vielen aktiven Paten sucht das Projekt ständig neue Freiwillige – die Nachfrage sei enorm, beobachtet Claudia Nährig. Manchmal sind es Kinder, deren Eltern kein oder nur schlecht Deutsch sprechen oder es seien Haushalte, in denen kein Buch stehe oder das Kind kann zwar lesen, versteht aber den Inhalt nicht. Die Gründe, warum ein Kind schlecht liest, sind vielfältig – aber die Paten nehmen sich ihnen an. »Wir dürfen kein Kind verloren geben«, betonen sie.
Weil der Verein im Lauf der vergangenen Jahre so enorm gewachsen ist, ist es längst nicht mehr möglich, alles im Ehrenamt zu stemmen. Deshalb gibt es in der Kaiserstraße eine Geschäftsstelle mit zwei angestellten Teilzeitkräften, die für die Organisation zuständig sind. Sie koordinieren die Kontakte mit den Schulen, kümmern sich um das Material, sind Ansprechpartner für Paten und Lehrer, bereiten die Schulungen vor. Denn, auch das ist den Vereinsverantwortlichen wichtig: Jeder Pate wird gut und qualifiziert auf sein Ehrenamt vorbereitet, inklusive »Lesefibel«, Workshops, Schutzkonzept und regelmäßigen Treffen mit anderen Leselern-Paten. (Anja Weiß, GEA)