Bad Urach/Region. In der Grundschule wird das Fundament für die Zukunft gelegt – Rechnen, Schreiben und Lesen. Um das so angenehm wie möglich zu gestalten, hat der Verein „Mentor“ aus Reutlingen vor 15 Jahren die „Leselernpaten“ ins Leben gerufen. Mittlerweile sind sie in 38 Schulen der Region vertreten. Waltraud Groß
ist Koordinatorin an der Barbara-Gonzaga-Gemeinschaftsschule (BGG) in Bad Urach und begleitet seit 2019 Kinder. Das Angebot gilt ausschließlich für die Klassen zwei bis vier und fokussiert sich auf Schüler, die aus Sicht der Lehrer Unterstützung beim Lesen gebrauchen könnten.
„Wir Paten sind hauptsächlich Senioren, aber auch ein, zwei Jüngere interessieren sich dafür“, weiß Groß. Deshalb sei es umso wichtiger, regelmäßig neue Paten anzuwerben. „Viele haben selbst Enkel und keine Zeit mehr oder können aus gesundheitlichen Gründen keine Patenschaft übernehmen“, erklärt Groß. Aktuell hat Bad Urach zwölf Paten, nur zehn davon sind allerdings im Moment aktiv.
Waltraud Groß ist Koordinatorin der Leselernpaten in Bad Urach. An der Barbara-Gonzaga-Gemeinschaftsschule lässt sich die Rentnerin einmal pro Woche von Kindern vorlesen. Unterstützung bekommt sie vom Verein Mentor aus Reutlingen. Foto: Philipp Steyer-Ege
Es bestehe ein immenser Bedarf an dem Angebot, die Paten seien außerdem ein wichtiger Beitrag für die Betreuung der Kinder, unterstreicht auch BGG-Konrektorin Antje Reutter. „Es bleibt etwas hängen, und wenn es nur ein Tröpfchen ist, wir müssen jeden Tropfen nutzen“, betont sie.
Das bedeutet eine Patenschaft
Als Patin darf Groß die wöchentliche Lesestunde individuell gestalten. „Das ist ein großes Glück, dann kann man richtig auf die Persönlichkeit des Kindes eingehen“, betont sie. Gerade die Jüngeren holt Groß aus dem
Unterricht ab, später werden sie von den Lehrern direkt zu ihr geschickt. Angst, dass Schüler wichtigen Unterrichtsstoff verpassen, müssen Eltern allerdings nicht haben: Denn während die Klasse dem Schulalltag nachgeht, fokussieren sich einzelne Kinder eben auf das Lesen in einem privaten Einzelunterricht. „Man kann sich ganz auf das Kind konzentrieren, niemand lacht einen aus, und schämen muss man sich auch nicht“, unterstreicht die Patin. Man könne so besser auf individuelle Stärken und Schwächen beim Leseverständnis eingehen.
Um das zu gewährleisten, ist reger Austausch zwischen Lehrkräften und ihr als Koordinatorin notwendig, erklärt sie. „Lehrer entscheiden, welche Stunden dafür genutzt werden können und welche nicht, und wenn
eine Klassenarbeit ansteht, fehlen Kinder natürlich auch nicht“, erklärt sie.
Einen guten Ruf bei den Kindern
Und falls doch spontan ein Termin ausfallen muss, weil ein Kind krank zu Hause liegt, darf einfach ein anderes Kind in den einmaligen Genuss der Lesestunde kommen. „Wenn man dann in der Klasse fragt, wer denn Lust hätte, dann gehen aber alle Finger nach oben“, berichtet sie mit leuchtenden Augen. Das Angebot
hat also auch bei Kindern einen guten Ruf, nicht zuletzt, weil die Paten eben keine Lehrer sind und die gemeinsame Dreiviertelstunde flexibel nutzen können. „Klar steht das Lesen im Vordergrund, aber kein Kind kann sich für volle 45 Minuten vollständig konzentrieren“, weiß sie.
Wenn die Luft raus ist, packt Groß gerne einmal ein Frisbee oder einen Ball aus, immer verknüpft mit Spielen, die ganz nebenbei richtigen Satzbau beibringen. „Alle sechs Stunden gibt es dann eine kleine Überraschung,
mal einen schönen Stift oder einen besonderen Radiergummi. Da freuen sie sich total drauf“, erzählt die Patin.
Ehrenamtliche Vereinsarbeit
„Jeder Pate gestaltet die Stunde anders. Für mich ist wichtig, dass man abwechselt und sich nicht an einem Ding festbeißt“, erklärt sie. Mal lesen sie gemeinsam in der Kinderausgabe der Apothekenzeitschrift,
manchmal in der Wochenzeitung, die der Verein eigens dafür produziert – und manchmal auch in der Kinderseite der SÜDWEST PRESSE. Meistens sucht sich Groß allerdings ein Buch aus, das den Interessensgebieten der Kinder gerecht wird. Dabei kann sie beim Verein Bücher bestellen oder die Partnerschaft mit der Bücherei Bad Urach nutzen.
Sind 24 gemeinsame Stunden absolviert, geht der Pate mit dem Kind dann auch noch in die Buchhandlung,
um dort einen Zehn-Euro-Gutschein einzulösen. „Natürlich sind Kinder auf dem Weg versichert, es ist immer toll, ihnen dort die Welt der Buchhandlung erklären zu können“, schwärmt Groß.
„Wir drängen uns nicht auf“
Jeder Pate betreut mindestens ein Kind, manche auch mehr. „Selten geht eine Patenschaft über die vollen drei Jahre. Wir drängen uns nicht auf. Wenn ein Kind oder Pate das Gefühl hat, eine Blockade zu erreichen, brechen wir auch ab“, erklärt sie. Denn die Trennung zwischen Schule und Privatleben darf auch hier nicht überschritten werden. Die Arbeit mit Kindern sei sensibel, umso mehr im Einzelunterricht.
Wer Pate werden will, muss neben einem erweiterten Führungszeugnis auch ein Eignungsgespräch und eine vom Verein angebotene Schulung absolvieren. In Bad Urach haben neue Paten die Möglichkeit, eine Stunde bei Groß zu hospitieren. Grundsätzlich sollte man Geduld mitbringen, sich aber vor allem in Kinder hineinversetzen können. „Vorkenntnisse sind nicht notwendig, man wird immer unterstützt“, betont Groß.
Von Philipp Steyer-Ege
